Glückwunsch!
Alle fünf in den Hauptkategorien prämierten Werke werden mit je 300 Euro und einer GINCO-Trophäe in Form unseres Maskottchens, Artie die Bildkröte, ausgezeichnet. Zusätzlich zeichnet das Komitee dieses Jahr zwei besondere “Herzenscomics” aus. Die Laudationes wurden von individuellen Jury-Mitgliedern aufgrund gemeinsamer und einstimmiger Entscheidungen verfasst.
Zu Anfang wurde Artie aus recyceltem Kunststoff 3D-gedruckt. Seit 2022 wird er aus Gießbeton handgegossen, um sich als kleiner Pflanztopf, als Stiftebecher oder Nippesdippsche anzubieten. Das Design von Artie stammt von Kami Wallner, die Modellierung von Neronai und die Abgüsse der Trophäe von Lisa Rau. Die diesjährigen Illustrationen wurden von David Füleki gestaltet. (Mehr über Artie lässt sich hier nachlesen.)
KINDERCOMIC
Der Zahn
von Ayşe Klinge
Veröffentlicht im Kibitz Verlag
Laudatio:
„Ich glaub, ich will da nicht rein“ sagt Mila bei einem Schulausflug zu einem Gruselkabinett. Sie hat Angst vor Vampiren, was natürlich keiner Ernst nimmt – im Gegenteil. Andere Kinder lachen sie aus oder erschrecken sie sogar absichtlich. Doch Mila lässt sich davon nicht einschüchtern. Sie bekämpft ihre Ängste mit Zeichnungen – was ich als Comiczeichnerin natürlich besonders großartig finde. Ich sehe in Ayşe Klinges Bildern nicht nur durch ihren Buntstiftstil Lebendigkeit, sondern auch durch ihre vielschichtigen Figuren: Mila z.B. ist nicht schwach – im Gegenteil! Und auch Ober-Mobberin Alina bleibt nicht „die Böse“. Auf über 200 Seiten verändern sich Figuren und bleiben sich doch treu. Und was mir besonders gefällt: Sie sind eigentlich alle Vorbilder für unsere lesenden Kinder. Doch halt. Ein besonderes Element habe ich noch gar nicht erwähnt: Denn eigentlich geht es auch um Karla, die sich mehr und mehr mit Mila anfreundet. Denn Karla wächst eines Tages ein Vampirzahn. Wir finden heraus: Sie ist eine Vampirin! Was ganz neue Probleme mit sich bringt: Kann sie jetzt noch weiter auf eine normale Schule gehen? Kann sie Milas Freundin bleiben? Werden ihre Freunde annehmen, dass sie sich verändert? Der Zahn vernetzt so viele Themen kreativ in eine wunderbar positive Geschichte: Kleine und große Kinderängste werden vermischt mit einer Metapher auf das Fremde, das Anderssein, das Verändern, alles verbunden durch das Thema Freundschaft. Und hier komme ich zurück: Warum sind diese Kinder Vorbilder? Sie stellen sich gegen Mobbing, weil sie spüren, was richtig und was zuviel ist. Sie sind offen und nehmen ihre Ängste an. Sie sind reflektiert und sprechen ihre Sorgen an, wenn z.B. Niklas weint, weil er wütend ist, dass Mila lieber mit Karla befreundet ist. Diese Kinder kennen ihre Bedürfnisse und Grenzen und gehen damit positiv um. Ayşe Klinge zeichnet, dass alles gut sein kann. Auch wenn zwei scheinbar gegensätzliche Welten aufeinander treffen. Auch wenn sich Dinge ändern. Und wenn meinen Kindern bald der nächste Zahn rausfällt, werden wir uns an dieses Buch erinnern und ganz genau nachsehen, ob da nicht doch vielleicht ein Vampirzahn nachwächst.
-Johanna Baumann
GRAPHIC NOVEL
Leib
von Lias Sinram
Veröffentlicht im Avant Verlag
Laudatio:
Eigentlich wäre Leib von Lias Sinram eine simple Coming-of-Age Geschichte über Lisa, die mit ihrer BFF Lena im Turnverein ist, wären da nicht von Anfang an diese ständigen Irritationen. Der Turnanzug, den Lisa zum zwölften Geburtstag bekommen hat, steht in Flammen. Alle machen immer die gleichen Übungen. Außer die Jungs. Wiederholung, bis die Handlung ohne zu denken in den Körper, den Leib, übergeht. Der Spagat, den Lisa nicht kann. „Ich hätte jeden Tag…“ „… üben müssen.“. Und dann das Auseinanderdriften mit Lena. Die zum ersten Mal rasierten Beine, das Blut, dass in den Abfluss fließt. Die akribisch gezupften Augenbrauen. Lisa hätte jeden Tag üben müssen, um sich nahtlos einzureihen, in diese Leiber, die so oft das Frausein proben, bis sie gar nicht mehr darüber nachdenken müssen. Das schöne an Leib ist, dass nichts von alledem ausgesprochen wird. Alles wird über die klugen Zeichnungen, das Pacing, die Themen, die immer weitere Kreise ziehen, gelöst. Es gibt keinen Aha-Moment für Lisa. Am Ende steht alles in Flammen, so wie die Bücher der ersten Bücherverbrennung der Nazis, für die Turnvater Jahn die Liste verfasste, in Flammen standen. „Siehst du auch, wie die Geräte brennen?“, fragt Lisa. Ja, antworten wir. Das Subtile, das Vielschichtige macht Leib zu einer herausragenden, unbedingt auszeichnungswürdigen Graphic Novel. Und am Ende riecht es nach Regen.
-Noëlle Kröger
MANGA SPOTLIGHT
Rabenfluch 3: Zauber und Schatten
von LIAN
Veröffentlicht im Eigenverlag
Laudatio:
SACHCOMIC
Die kochenden Affen
von Tine Steen (Insta)
Veröffentlicht im Avant Verlag
Laudatio:
Ein Aspekt, der uns als Menschen ausmacht, ist das Kochen. Das ist wer wir sind – die kochenden Affen. Die kochenden Affen ist ein vielschichtiges Sachcomic. Tine Steen illustriert die Menschwerdung. Dafür nutzt sie: Anthropologie, Archäologie, biologische Evolutionstheorie, Soziologie und Kulturwissenschaften. Sachcomics haben natürlicherweise einen Fokus auf Zusammenhängen und Information, gleichzeitig muss auch das Storytelling funktionieren. Das gelingt der Autorin auf grandiose Weise. Das tolle Pacing lässt die Spannung der Geschichte nie abfallen. Und der Humor lässt einen immer wieder breit grinsen. Die Erzählstimme führt durch das Buch – von Hypothese zu Hypothese zu Spekulation. Sie verbindet einzelne Panels mit Pointen, kurze Dialoge und goldig dargestellte Rezepte aus Vorzeit, Steinzeit und dem Besten von heute. Und immer wieder kommen sie selber zu Wort: die Affen, die Frühmenschen und der moderne Mensch. Sie erzählen uns in Interviews was sie essen, wie sie kochen und worauf es im Leben ankommt. Die überzeugende Bildsprache mit ihren zugänglichen Zeichnungen lässt uns tief in Wissenschaft und Kultur eintauchen. Inhaltlich wird dabei Präzision gewahrt, Fakten mit Quellen belegt und offene wissenschaftliche Fragen werden als offen markiert. Außerdem hinterfragt die Autorin ihre eigene Arbeitsweise. Damit regt sie zum Diskutieren und Weiterdenken an. Ein offenes, zeitloses Buch, das zu seinen eigenen Grenzen steht.
-Illi Anna Heger
COMIC EXPERIMENT
Remix: Lost Places
von Julia Kleinbeck
Entwickelt für das FUMETTO Festival in Luzern und veröffentlicht im Eigenverlag
Laudatio:
„Bis vor kurzem kannte mein Alltag klare Koordinaten.“ So beginnt Remix: Lost Places von Julia Kleinbeck. Eine Ich-Erzählerin führt uns durch vertraute Schauplätze, einen Supermarkt, ein Zoogeschäft, ein Hotel. Doch die Seite fügt sich nicht. Panels kippen, Zwischenräume flirren, Bildstörungen überlagern die Erzählung. Die Story glitcht und weigert sich, ein erzählbares Ganzes zu werden. Wir landen an einem Ort der Paranoia und Überwachung, ein Krieg steht bevor, zwei Menschen halten aneinander fest, mit ungewissem Ausgang. Dann wechselt die Perspektive, und wir sehen die Welt durch die Augen eines Stofftieres, das zugleich ein Überwachungsinstrument sein könnte. Panels lösen sich in Fehler und Verzerrung auf, bis wir begreifen: Die Störung ist Programm. Kleinbeck setzt das bloße Rauschen der Information ins Bild und entzieht den Comic der reinen Erzählung. Und trotzdem erkennen wir in den Rissen in der Wand einen Baum und einen Vogel. Sind unsere Panels überhaupt Panels? Bildschirme, Zettel, Wände? Sie drehen sich, setzen sich neu zusammen, aus den Verzerrungen entstehen neue Logiken. Das ist nicht immer schön, aber, um Rosa Menkmans Glitch Studies Manifest aufzugreifen: „Der Glitch ist die wundervolle Erfahrung einer Unterbrechung, die ein Objekt von seiner gewohnten Form und seinem Diskurs ablöst.“ Kleinbecks präzise geplanten Fehler erhalten die Hoffnung, dass hinter dem Tapetenstrand der letzten Seite doch noch echte Palmen wachsen. Die schlechte Nachricht für einen Comic über Glitches: Er funktioniert wundervoll.
-Cord-Christian Casper
HERZENSCOMICS
Wenn der Regen aufhört
Veröffentlicht im Eigenverlag
Laudatio:
In sanfter Tuschezeichnung und grauem Bleistift erzählt Wenn der Regen aufhört von Jiaqi Hou vom Feststecken, Warten und Trauern, bevor der Verlust überhaupt stattgefunden hat. Wir folgen Yufan, einer chinesischen Migrantin und ehemaligen Kunststudentin, die in einer deutschen Kleinstadt lebt, aus der alle wegziehen oder darüber nachdenken. Nur wohin? Die Grauschattierungen werden immer wieder durchbrochen von einer goldenen Farbe, die mal freundlich, mal bedrohlich wirkt. Wie auch die Heimatstadt, je nachdem, ob die Sonne scheint und Yufan mit Freund:innen im Park sitzt oder ob Yufan an der Ampel behandelt wird, als gehöre sie nicht zu Deutschland. Zusammen mit der Schmuckfarbe gibt es ein Motiv, das sich durch die gesamte Geschichte zieht: Wasser. Die Geschichte eröffnet und endet an einem regnerischen Tag, im Atelier gibt es undichte Fenster, durch die immer mehr Wasser eindringt – gekonnt verbindet Jiaqi Hou das Motiv mit komplexen Themen zu einer beklemmenden Stimmung von nationalistischer Abschottung, Kulturkürzung und regressiver Klimapolitik. Der Wasserpegel steigt. Die Lichtblicke finden sich in der Freund:innenschaft. All das macht Wenn der Regen aufhört eine Graphic Novel, die unbedingt jetzt gelesen werden sollte. Bevor uns das Wasser bis zum Hals steht.
-Noëlle Kröger
Toxic
von Amelia Fiske & Jonas Fischer (Insta)
Veröffentlicht im Jaja Verlag und der University of Toronto Press
Laudatio:
-Cord-Christian Casper & Luisa Velontrova